Wohl kaum ein Aspekt des Plattformismus & Especifismo sorgt für so viel Diskussionsstoff wie die Frage der Einheit in Theorie & Praxis. Umso erstaunlicher ist, dass der tatsächlichen Herstellung von Einheit innerhalb der spezifischen Organisationen in Deutschland im internationalen Vergleich bisher eine eher geringe Bedeutung beigemessen wurde. Im folgenden Text möchten wir uns dieser Frage deswegen etwas intensiver zuwenden.
Der Anfang der Einheit
1926 wurden mit der Organisationsplattform der Allgemeinen Anarchistischen Union die Grundlagen unserer Tendenz gelegt. Aus heutiger Perspektive scheint es uns nicht notwendig, jedem Aspekt dieser ersten Schrift zuzustimmen. Sie war selbst schon als „Entwurf“ deutlich als erster Aufschlag gekennzeichnet und wurde von unseren Vorkämpfenden leider nie wirklich weiterentwickelt. Wer zu vielen Eckpunkten, die in dem Papier gelegt wurden, ein tieferes Verständnis aus historischer Sicht haben möchte, muss sich mühsam durch Diskussionen, die im Nachhinein erfolgten, wie z. B. zwischen Errico Malatesta und Nestor Machno, durcharbeiten, die zum größeren Teil nicht einmal auf Deutsch verfügbar sind. Eine tiefere historische Diskussion wäre 100 Jahre später für den deutschsprachigen Raum hier sicherlich ebenfalls spannend. Ein kleiner Aufschlag wurde ja bereits mit der Broschüre „Organisatorische Fragen – eine zeitgenössische Analyse der historischen Diskussionen über den Plattformismus“, erschienen bei anarchismus.de, gelegt (auch spannend ist hier die neue Textsammlung vom Anarcha-Kommunistischen Aufbau Innsbruck „100 Jahre Plattform der allgemeinen anarchistischen Union“), aber dies soll nicht der Gegenstand dieses Textes hier sein. Denn was uns der historische Text zweifelsfrei geschenkt hat, sind die unumstößlichen Grundprinzipien für eine spezifische Organisation:
- Einheit der Ideologie
- Einheitliche Taktik und kollektives Handeln
- Kollektive Verantwortung
- Föderalismus
Diese Grundprinzipien für eine Organisation finden sich ebenso im Especifismo mit anderen Schwerpunkten wieder, welcher sich organisatorisch unabhängig vom Plattformismus in den 1950er Jahren in Lateinamerika entwickelte:
- Die Notwendigkeit einer spezifisch anarchistischen Organisation, die auf einer Einheit von Ideen und Praxis aufgebaut ist.
- Den Gebrauch der spezifisch anarchistischen Organisation zur Entwicklung von Theorien und strategischer politischer und organisatorischer Arbeit.
- Aktive Einmischung in sowie die Bildung von autonomen und breiten sozialen Bewegungen, was als Prozess der „gesellschaftlichen Einfügung“ bezeichnet wird.
Aus dieser fundamentalen Betonung der Frage der Einheit in der Organisation wird deutlich: Sie ist der Beginn und die Grundlage einer spezifischen Organisation im Plattformismus, auf der dann alles Weitere aufgebaut wird. Gibt es keine Einheit in Theorie & Praxis, gibt es keine spezifische Organisation im plattformistischen oder especifistischen Sinne.
Warum ist die Betonung der Einheit im Plattformismus von so großer Bedeutung?
Der Plattformismus ist aus der historischen Niederlage des Anarchismus in der russischen Revolution hervorgegangen. Er ist der Versuch einer Lehre aus dem eigenen Scheitern. Dass es nicht gelungen ist, den libertären Charakter der anfänglichen Sowjetunion und später das befreite Territorium in der heutigen Ukraine, gegenüber dem Bolschewismus durchzusetzen, welchem es gelang, alle anderen revolutionären Kräfte inklusive dem Anarchismus in der Region fast vollständig zu vernichten. Der historische Plattformismus führte dies richtigerweise auf die eigene organisatorische Schwäche und die Zersplitterung der Bewegung der damaligen Zeit zurück. Insofern sind die Grundprinzipien zur Einheit auch in ihrer historischen Entwicklung von enormer Bedeutung. Denn sie zeigen einen Weg auf, wie auch in krisenhaften, kriegerischen und revolutionären Zeiten eine Organisation handlungsfähig und durchsetzungsstark agieren kann.
Doch auch in weniger zugespitzten Zeiten, die uns erlauben, den eigenen Aufbau zu fokussieren, bietet das Konzept der Einheit im Plattformismus den Weg, sich für die Zukunft gut aufzustellen. Sich als plattformistische Initiative von Anfang an mit Gleichgesinnten zusammenzufinden, ermöglicht es, die Wahrscheinlichkeit stark zu erhöhen, auf derselben Wellenlänge in produktiver Weise an der Entwicklung einer einheitlichen Organisation zu wirken. Oftmals gestalten sich in anderen politischen Ansätzen der Linken bereits am Anfang einige Konfusionen darüber, wohin man sich überhaupt entwickeln möchte, welche Theorie & Praxis man überhaupt vertritt.
Auf der Ebene der Theorie ist die Einheit deswegen entscheidend, weil sie überhaupt erst erlaubt, über Jahre hinweg eine tiefergehende theoretische Auseinandersetzung und Output von Theorie zu ermöglichen, welche konsistent ist. Wenn die theoretischen Grundlagen zu den Fragen der Ökonomie, des Staates, der Geschlechterverhältnisse, des Imperialismus und der Transformationsstrategie geklärt sind, müssen diese nicht immer wieder neu aufgerollt werden. Diese Herangehensweise erlaubt es, tiefer zu gehen als ein reines Basisverständnis und vor allem auf dieser Grundlage aufbauende aktuelle Analysen zu produzieren.
Auf der Ebene der Praxis ist die Einheit deswegen entscheidend, da sie ermöglicht, dass eine Organisation über lange Zeiträume hinweg bei der Durchführung von Basisarbeit und der Beteiligung an sozialen Kämpfen an einem Strang zieht, dass die vorhandene Energie auf konkrete zu erreichende Ziele fokussiert wird, anstatt sich von äußeren Einflüssen von einer zur nächsten Kampagne mitreißen zu lassen.
Insgesamt geht es darum auf theoretischer und praktischer Ebene effektiv zu handeln. Diese Effektivität ist ein absolut entscheidender Faktor für die Relevanz eines politischen Ansatzes. Immerhin sind der Klassenfeind und seine Organe oftmals sehr effizient darin, soziale Kämpfe und revolutionäre Bestrebungen auf die eine oder andere Art und Weise zu unterdrücken. Folglich müssen sich auch unsere Ansätze daran messen lassen, wie gut sie in der Lage sind, unsere Sache effektiv voranzubringen.
Weiterführende Gedanken zur Frage der Einheit
Die Herstellung von Einheit in einer Organisation ist ein umfangreicher, zeitintensiver Prozess, welcher sich aber auf lange Sicht nicht nur aus Fragen der Effektivität und Kohärenz lohnt, sondern sich gerade auch mit dem Einsparen von Bürokratismus und dem Wegfall der Notwendigkeit, sich immer wieder erneut über grundsätzliche Fragen in der Organisation versichern zu müssen, auszahlt. Aber Moment mal, war nicht der Plattformismus gerade dieses Bürokratiemonster?
In der Tat ist es richtig, dass der Plattformismus großen Wert auf eine ausgeprägte formelle Struktur und klare Abläufe legt. Diese sollen aber gerade dazu führen, in dem Zusammenhang mit der Einheit in Theorie & Praxis, dass die Organisation davon befreit wird, sich in einem ständigen Kreislauf von organisatorischem Ballast zu befinden. Wenn einmal geklärt ist, wie Entscheidungen getroffen werden, wer für welche dauerhaft anfallenden Aufgaben verantwortlich ist, wie genau der Ablauf zur Aufnahme neuer Mitglieder ist etc., braucht es später keine ständige neue Klärung der Abläufe solcher Fragen. Vor allem aber ist der Plattformismus die anarchistische Organisationsform, welche im Gegensatz zu der häufigen gegenteiligen Annahme gerade auf gegenseitiges Vertrauen ihrer Mitglieder setzt. Es ist das oberste Ziel der Herstellung von Einheit, dass die Mitglieder der spezifischen Organisation weitestgehend autonom im Sinne der Organisation handeln können. Wenn für alle Mitglieder einer Organisation sowohl die strukturellen Abläufe klar und transparent sind, als auch jeder in den grundsätzlichen theoretischen & praxisbezogenen Fragen sich einig ist, wozu dann noch sich jede Woche auf ein Plenum quälen?
Einigkeit ermöglicht es, Texte ohne vorherige stundenlange Klärung zu veröffentlichen, organisatorische Abläufe den Mitgliedern mit Zeit und Geschick für diese Fragen zu überlassen, in der Vernetzung mit anderen Strukturen sich nicht erst rücksprechen zu müssen, sondern Zusagen und Entscheidungen für die gesamte Organisation zu treffen. Gerade eben, weil es ein Ansatz ist, der auf dem Vertrauen und dem Wissen zueinander funktioniert.
Dies führt am Ende des Tages dazu, dass sich die Organisation auf das Wesentliche und Wichtige fokussieren kann: der Produktion und Weiterentwicklung von Theorie, der strategischen Abstimmung in sozialen Kämpfen & Basisarbeit sowie dem konzentrierten Verfolgen der eigenen gesetzten Ziele.
Aufrechterhaltung der Einheit
Die Entwicklung und dann Aufrechterhaltung der Einheit verlangt eine offene Diskussionskultur, in der alles auf den Tisch kommen kann, was sich zu besprechen lohnt. Eine Diskussionskultur in der niemand Angst haben muss, z. B. auch die heißen Themen der Linken, an denen sich oftmals gespalten wird, solange untereinander zu verhandeln, bis ein gemeinsamer Nenner gefunden ist. Wenn es Tabuthemen gibt, wenn Menschen moralisch verurteilt oder abgeurteilt werden, wenn man Dinge meidet, weil man befürchtet, es könne das Klima der Gruppe schädigen, dann ist dies kein Ort für die Entwicklung von Einheit, noch ihrer Aufrechterhaltung und Weiterentwicklung. Die Aufrechterhaltung einer einmal geschaffenen Einheit ist unterdessen ein hohes Gut, bei der wir uns nicht nur auf eine gute Diskussionsatmosphäre und solidarische Fehlerkultur verlassen können.
Vielmehr muss gerade in der Aufnahme neuer Mitglieder ein Fokus darauf gesetzt werden, dass Einheit vor der Aufnahme hergestellt wurde und nicht erst mit der Mitgliedschaft in einer spezifischen Organisation nachzuholen ist. Das bedeutet konkret, dass es für die Aufnahme in eine spezifische Organisation, die auf einer einheitlichen Grundlage aufgebaut ist, mehr bedarf, als nur in einem oberflächlichen Prozess ein paar Grundlagen zu lesen und zu sagen, dass man diesen zustimmt. Der Aufnahmeprozess in eine solche Organisation muss ein lebendiger Prozess sein, in dem für beide Seiten, sowohl für die interessierte Person als auch die Organisation an sich, auf den Ebenen des konkreten Kampfes, der Zuverlässigkeit/Disziplin und Theorie ein gutes Zusammenspiel existiert.
Das bedeutet konkret, dass die Aufnahme in eine spezifische Organisation ein längerer Prozess ist, in dem beide Seiten aneinanderwachsen, in der man zusammen kämpft, zusammen diskutiert und bereits Aufgaben im Sinne der Organisation übernimmt, um im Vorfeld abschätzen zu können – passt das überhaupt? Ist es die Art und Weise, wie ich aktiv sein möchte und kann? Dies muss beinhalten, dass die Organisation ein Schulungskonzept entwickelt oder im besten Fall bereithält, um Genossen in ihrem Umfeld auf den theoretischen Grundstandard der Organisation zu bringen. Das bedeutet, dass die Organisation interessierte Genossen aktiv mit in die sozialen Kämpfe, die sie führt, einbezieht und schlussendlich hat die spezifische Organisation auch die Verantwortung, einen kulturellen Rahmen zu bieten, in dem es interessierten Genossen leicht gemacht wird, zu wachsen und sozialen Austausch zu bekommen.
Denn eins darf der Prozess der Aufrechterhaltung der Einheit und der Einbeziehung neuer Menschen in eine Organisation der Einheit nicht bedeuten: einen lebensfeindlichen, kalten Ort zu schaffen, welcher einfach nur starr sich selbst gesetzte Rahmen abhandelt. Nein, der Anspruch muss es immer sein, leidenschaftlich für unseren Weg einzustehen, offen zu sein für alle, die diesen Weg mitgehen wollen, ungeachtet ihrer bisherigen theoretischen Kompetenz oder der Erfahrungen, die im Kampf gesammelt wurden. Es bedeutet aber auch, sich Zeit zu lassen, auf jeden Menschen, der diesen Weg mit beschreiten möchte, eigens einzustellen. Dem Plattformismus geht es vor allem um eine qualitative Entwicklung. Es werden nie, auch zu fortgeschrittenen Zeiten des revolutionären Aufbaus, hunderttausende Menschen in einer spezifischen Organisation in einem Land aktiv sein, zumindest nicht in einem Land wie Deutschland. Dafür sind die Massenorganisationen da, die niedrigschwellig für alle Arbeiter und Arbeiterinnen Organe des Kampfes sein sollen.
Die revolutionäre Organisation in dem Sinne, wie wir sie vorschlagen, zeichnet sich dadurch aus, dass sie einen qualitativen Beitrag in der theoretischen, strategischen und praktischen Ebene leistet. Dafür braucht es sicherlich auch eine quantitative Entwicklung, dies aber nie unter dem Verlust der einheitlichen Grundlage der spezifischen Organisation. Denn diese ist der Garant dafür, einen konsequenten Weg des Kampfes zu führen, sich nicht in revisionistischen, liberalistischen oder anderen Verirrungen zu verlieren, sondern ungeachtet der gesellschaftlichen Situation geschlossen voranzuschreiten.